Im Aufzug

Aufzug

Es ist Montagmorgen. Im Fahrstuhl treffe ich einen Kollegen – 27, schreibt grad an seiner Habil, Babyface, Juranerd, tut niemandem was. Natürlich stelle ich – man ist ja gut erzogen und so – die übliche Fahrstuhlfrage nach seinem Wochenende. Er kontert mit: „Warum fragst du?“ Hm. Soziale Umgangsformen aus dem Elfenbeinturm oder schlicht ein gut abgerichteter Associate, der nur noch Elevator Pitches erwartet? Aufregender wäre, wenn er rebellisch die übliche flache Fahrstuhlkommunikation an einem ansonsten völlig austauschbaren Montagmorgen in Frage stellen würde. Aber nein, wir sind schließlich immer noch im Aufzug einer Großkanzlei. Trotzdem fällt er verstörend aus der Reihe. Üblich wären Berichte von samstäglichen Alkoholexzessen (die familienlosen Wir-sind-eigentlich-ganz-cool-obwohl-wir-Anwälte-sind-Kollegen) oder Schilderungen von trieflangweiligen Familienausflügen (die braven Wir-sind-eigentlich-schon-als-Spießer-auf-die-Welt-gekommen-Kollegen).

Zugegebenermaßen gibt es dann noch die gemischten Erzählungen der ärgerlich inkonsequenten Fraktion, die sich weder in die eine noch in die andere Schublade pressen lassen will: eine Mischung aus absturzartig trinkenden Spießern und  kinderlosen Jungs mit Webergrill. Vermutlich sind sie sogar die Mehrheit. Jaja, Anwälte sind eben doch nur Menschen. Was übrigens als hervorragende Rechtfertigung für sämtliche Entgleisungen im Berufsalltag dient. Wir haben unsere Fachkompetenz beim Mandanten übertrieben? Wir sind ja nur Menschen. Er hat seinen Associate schon wieder angebrüllt? Er ist ja nur ein Mensch. Er hat seiner Kollegin an den Hintern gefasst? Er ist ja nur ein (betrunkener) Mensch.

Wenn sich mein Kollege im Aufzug nicht wie einer dieser vorhersehbaren Anwälte verhält, bedeutet das im Umkehrschluss, dass er kein Mensch ist? Jedenfalls üben wir das mit dem Small Talk noch mal. Da machen wir ein Seminar. Seminare gibt es ja nie genug. Rhetorik. Juristisches Schreiben. Bilanzen. Gin. Verhandlungsgeschick. Wein. Mandantenführung. Networking. Projektmanagement. Mehr Wein. Führungskräfte. Pitching. Muss man alles können als Anwalt. Gerade Small Talk ist dabei nicht zu unterschätzen. Wichtig für kanzleiinterne Veranstaltungen, um sich bei bisher unbekannten Partner „on the map“ zu bringen. Man will ja was werden, man will aufsteigen, da muss man sich bei den wichtigen Leuten bekannt machen. Auch wenn niemand so wirklich weiß, wer eigentlich zum entscheidenden Zeitpunkt dann die wichtigen Leute sein werden, weil ständig „alte Zöpfe abgeschnitten“ werden und „neue Besen gut kehren“. Alles ist im Fluss.

Zurück zum Small Talk – wichtig nämlich auch für Juristenkongresse, um sich mehr oder weniger subtil gegenüber den werten Kollegen aus anderen Kanzleien auf die Brust zu trommeln – „Ja, ist super bei uns, läuft richtig gut, können uns vor Arbeit nicht retten, busy, busy, busy. Und wie ist das bei euch? Wo bist du jetzt? Ah, XYZ… Die sind ja bisher nicht so breit aufgestellt in dem Bereich. Kommt da genug Geschäft rein?“ Und nicht zu vergessen die unfassbar wichtigen MANDANTENVERANSTALTUNGEN. Dort wird im Grunde das gleiche Feuerwerk gezündet, nur noch ein bisschen strahlender, blinkender und verpuffender.

Aussteigen.

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